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Peter Wawerzinek

Mutterfindung 2009

 

Auszug

Dort

Tegen und Heinz werden vom Erzieher inkommodiert. Heinz muß, weil er dick ist, zusätzliche Bewegung auf sich nehmen. Ich sehe ihn um das Heim herumlaufen. Der Erzieher hat die Trillerpfeife im Mund. Er spuckt sie aus, um den Dicken Morgen, -Mittag, -Abendläufer zu beschimpfen: Lahmarsch, Fettsack, Wabbeltonne. Tegen wird mit Sonderaufgaben bedacht, die kaum zu lösen sind, weswegen er sich öfter als wir bestraft fühlt.
Die härteste Strafe ist, in den Keller gesteckt zu werden. Der Keller ist naß und dunkel. Dort halten sich Ratten auf. Die Kellerstrafe meint bloße Anwesenheit, die von einiger Dauer ist, weil der Bestrafte vergessen wird. Er muß sich lauthals bemerkbar machen, sonst verpaßt er sein Abendbrot. Die Mahlzeiten im Heim sind wichtig. Mit knurrendem Magen im Bett zu liegen, ist die größte aller Strafen. Kein Teller wird dir zurechtmacht und aufs Zimmer gebracht.
Unser Solidarverhalten führt zu einem drastischem Anstieg der Kellerstrafen. Es gibt eine Reihe von Vergehen, auf Grund derer man sofort in den Keller gesperrt wird. Zwar ekeln wir uns vor dunklen Pfützen, muffiger Luft und huschenden Ratten, doch ist alles halb so schlimm, weil eine Nische unterhalb der Treppe ein trockenes Plätzchen sichert, wo unsere heiligen Schätze lagern: Taschenlampe. Feuerstein. Bunte Hefte. Die Strafzeit verbringen wir dort und Dort wird der Ort, an dem Heinz und ich von Tegen eine Menge erfahren. Tegen ist nämlich viele Male versuchsweise adoptiert worden. Das hat er seinen Knopfaugen und dem Wuschelhaar zu verdanken. Dort meint persönliches Eigentum, Privatbesitz, sagt Tegen. Dort meint Herrschaft über Kind und Maus, Haus und Kegel. Auch wenn wir Tegen nicht verstehen, die Geschichten, die er von Dort und den Personen erzählen, den Dingen, die Besitz besitzen, durch Besitz zu Besitzern werden, wodurch sie dann über Dinge herrschen, erscheinen uns märchenhaft, einleuchtend und schön. Dort hat viele Schuhe, unterschiedliche Hüte, Mützen. Dort ist sein Nachttisch. Dort muss man mit niemanden teilen. Dort hat Stühle in der Küche, Sessel im Wohnzimmer, einen Ankleidestuhl im Flur und sogar im Keller, wenn man sich dort von der Wascharbeit erholen will, kann man sich setzen. Alles, was im Heim unser ist und niemanden anderem als dem Heimleiter gehört, gehört Dort zu gleichen Teilen dem Vater, der Mutter, dem Kind. Das Kind geht zur Schule. Es reist mit den Eltern in ein Urlaubsgebiet. Es trägt seinen eigenen Koffer bei sich. Der Koffer gehört ihm und wird mit seinem Wachstum größer, bis der Koffer des Kindes so groß ist wie ein Elternkoffer, der sich durch nichts von diesen unterscheidet. An jedem Koffer klebt ein Schild, das den Kofferbesitzer ausweist. Wird dem Kind Dort der Koffer gestohlen, bleibt das Kind Dort Eigentümer des Koffers. Es verliert niemals die Herrschaft über seinen Koffer, selbst wenn er in den Besitz eines Diebes gelangt. Im Heim hat niemand einen Koffer. Das Heim geht nicht auf Reisen. Eigentum ist Dort ohne Besitz und Besitz ohne Eigentum unmöglich. Im Heim besitzt das Kind nur sich, es kann über seinen Leib verfügen. Alles andere über der Leibeshaut wird dem Heimkind gestellt und zugeteilt. Es besitzt keinen Schlüpfer, kein Unterhemd, keine Strümpfe. Jacke wie Hose sind nicht sein Eigentum. Hut und Schal sind gespendet. Die Spenden kommen von Dort, wo Kinder eigene Kleider, Rock, Bluse und Anzug wie kleine Erwachsene tragen. Sind ihnen die Schuhe zu klein geworden, gibt es sie weg. Die Schuhe gelangen zu uns. Wir versammeln uns im großen Raum. Einer nach dem anderen tritt vor, wird angesehen und erhält Sachen aus dem Haufen.
Andere Kinder nennen ihr Zuhause Heim oder Eigenheim. Ihre Wohnungen sind aufgeteilt, Puppenstuben ähnlich. Sie heißen Dort, alle Mieter, egal, wie alt sie sind. Die Kinder wohnen mit den Eltern zur Miete. Sie sagen Dort und mein zu ihrem Zuhause. Wir sagen Heim zum Heim. Wir sagen nicht mein und dein, sondern unser. Wir können das Heim nicht verlassen. Dort ziehen sie um, wenn sie ihr Heim nicht mehr schön finden, wenn es ihnen zu dumm, zu klein, zu nahe am Stall ist. Das alte Heim wird vergessen, das neue Heim hat einen Garten mit Rutsche und Wasserbecken nach hinten raus, manchmal für ein Kind allein. Uns gehört nichts. Dort gehört dem Kind alles.
Tegen berichtet Unglaubliches, so daß wir baff staunen, wir denken, er flunkert. Wenn neue Zahnbürsten angesagt sind, bekommen alle Kinder im Heim eine neue Zahnbürste. Wir können miteinander tauschen, wenn uns die Farbe der Zahnbürste nicht paßt. Wir haben uns an die Farbe der neuen Zahnbürste zu gewöhnen. Das Kind Dort beginnt zu schreien, zu toben, wenn ihm die Farbe der Zahnbürste nicht gefällt. Es bekommt die Zahnbürste, die es will. Uns steckt man für Toben und Schreien in den Keller.
„Du hast eine Zahnbürste bei deiner Oma und noch eine bei deiner Ziehtante. Du kannst eine Zahnbürste bei deinem Freund lassen. Du darfst bei ihm übernachten und mußt nicht nach Hause, um dir die Zähne zu putzen.“
Dort ist das Elterhaus. Dort sind Vater, Mutter, Oma, Opa, Geschwister. Die Räume heißen Dort Zimmer. Es gibt Dort die Wohnstube und das Kinderzimmer. Dort feiern sie im Gartenhaus. Traumhaft. Aber es werden von Dort auch eine Menge negativer Dinge überliefert. Taschengeld und Taschengeldentzug. Das Kind kann geschlagen werden, weil das Kind in seinem kleinen Heim kein Heimkind ist, sondern Heimbesitz. Im Kinderheim sind körperliche Strafen verboten.